Die Zuschreibung des zu den bedeutenden Neuerwerbungen des Christlichen Museums gehörenden Tafelbildes ist eine Aufgabe, die es noch zu lösen gilt. Früher wurde sie für ein Werk eines niederländischen Meisters gehalten. Der ikonographische Typus der Darstellung ist auf ein niederländisches
Vorbild des 15-16. Jahrhunderts, und ihre Architektur auf einen Holzschnitt von Dürer zurückzuführen. Die als Skulptur dargestellte, aber lebendig gewordenen Madonna verrät letztlich auch eine Kenntnis der Werke von Joos van Cleve. Der in weißer
Cuculla gekleidete Abt trägt mit Sicherheit die Gesichtszüge des Auftraggebers. Die reiche Ornamentik des Altar
antependiums verweist auf französische oder spanische Herkunft, spanisch ist auch der heutige Rahmen des Bildes. Auf dem Gemälde wird eine spätere Legende des Abtes Bernhard von Clairvaux, der im 12. Jahrhundert gelebt und den Zisterzienserorden auf nachhaltigste Weise geprägt hatte, dargestellt, als er – als ein feuriger Verehrer des Marienkults – vor dem Altar zu einer stillenden Madonnenstatue ein Gebet sprach. „Oh, zeige mir, daß du Mutter bist…” (
Monstra te esse matrem…), flehte er. Da wurde die Statue lebendig und benetzte Bernhards Antlitz mit Milch. Demzufolge trägt diese Szene den Namen
Lactatio. Das alte Motiv einer zum Leben erwachten Statue findet sich auch in einer anderen Legende von Bernhard, als sich die Skulptur eines gekreuzigten Christus herabbeugte um den Heiligen zu umarmen und zu küssen.